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Ein etwas anderer Reisebericht.
Irgendwie hatte ich es befürchtet: die Wanderschuhe nahmen so viel Platz in Anspruch, dass mein Koffer ein gewaltiges Stück aufklaffte. Aber für unsere Pläne war eine Wanderausrüstung unbedingt nötig. Wir wollten Wandern auf Menorca und mit Führung die Insel erkunden. So
riss ich aufgeregt wieder dieses und jenes Teil aus dem Koffer, packte um, wühlte das unterste zu oberst. Schließlich standen wir mit übergewichtigen Koffern und den Rucksäcken als Bordgepäck am Flughafen – die Wanderstöcke zusätzlich in der Hand. Sie hatten sich beim besten Willen nicht in den Koffer stopfen lassen.
Uns lockte Menorca als Urlaubsziel, weil es sich durch seine etwas spröde Schönheit dem großen Ansturm von Touristen entzog. Mallorca ist Urlaubern viel eher ein Begriff. Die beiden Inseln unterscheiden sich grundlegend, sind aber durch ihre Namen in Beziehung zueinander gesetzt: Mallorca: „die Größere“, Menorca: „die Kleinere“.

Wandern auf Menorca, Foto: R. Freiheit
Wir hofften auf Eindrücke unverfälschten Insellebens und vor allem wollten wir das größte Gut der Insel, ihre weitgehend unberührt erhaltene Landschaft, erkunden. Menorca wurde 1993 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt, um das ausgewogene Miteinander von Mensch und Natur zu erhalten und die sorgsame Verwendung der Ressourcen sicherzustellen.
Unsere Ausflüge sollten uns vorwiegend durch den westlichen Teil der Insel führen. Manuel, unser Wanderführer für die kommenden Tage, war ein junger Österreicher, der sich bereits in einigen Ländern seine Erfahrungen erwandert hat. Fröhlich und aufgeräumt erschien er bei unserem ersten Zusammentreffen. Ein wenig irritierte ihn wohl,
dass unsere Gruppe aus zehn weiblichen und nur einem männlichen Teilnehmer bestand. Nach einem prüfenden Blick auf unsere Wanderschuhe nickte er zufrieden und wir bestiegen den Kleinbus, der uns auch in den nächsten Tagen zu unseren Ausgangspunkten bringen sollte.
Jeder der Wandertage bescherte uns eine andere Sicht der Insel. So waren es zuerst schmale Schluchten voller Kiefern, Steineichen, hinter Steinmauern wuchernde alte Feigenbäume, die wir durchwanderten. Eine kleine Klettertour ließ uns die Cova de's Coloms erreichen - eine Höhle mit riesigem Gewölbe, wo Manuel zu unserer Überraschung eine Panflöte aus seinem Rucksack holte und einige irische Musikstücke spielte.

Der Norden, Foto: R. Freiheit
Schon am nächsten Tag erlebten wir an der Nordküste eine raue Hochebene aus gefurchtem, scharfkantigem Fels, der allenfalls kleine dornige Sträucher überleben
lässt. Wir liefen stundenlang über dieses Gestein und erfuhren nebenbei, dass hier noch vor Jahrzehnten während wilder Winterstürme Schiffe an den Klippen zerschellt sind. Ein anderes Bild des Nordens zeigte sich uns weiter östlich. Durch wunderschöne Landschaft mit Pinienwäldern und Olivenhainen, begleitet von dem würzigen Duft von Thymian, Rosmarin und anderer Wildkräuter, machten wir uns auf den Weg durch ganz unterschiedliche Buchten. Einige hatten Sandstrände, bei anderen bestand der Strand aus großen, runden Steinen, die uns immer wieder zum Fotoapparat greifen ließen.

Steiniger "Strand", Foto: R. Freiheit
Und vor allem waren nirgends Bausünden auszumachen, denn alle Strände waren im natürlichen Zustand und wurden nur gelegentlich von Wanderern und zu Fuß anmarschierten Wasserratten belebt.
Natürlich gehörte auch die Besteigung des höchsten Berges der Insel, El Toro, zu unserem Programm. Mit 358 m war er von der Höhe her nicht gerade die Herausforderung, aber Temperaturen von 30° und die hohe Luftfeuchtigkeit auf der Insel machten das Steigen ziemlich anstrengend. Das aktuelle Problem waren ca. 20 teils frei herumlaufende, teils angekettete Hunde, die bei unserem Anblick ein Höllenspektakel veranstalteten. Manuel wäre es in diesem Moment spürbar lieber gewesen, er hätte in der Gruppe auf mehr männliche Verstärkung zählen können. Auf dem Gipfel schließlich wurde unsere Mühe durch eine wunderbare Aussicht gleichzeitig auf die südliche und nördliche Küstenlinie und über weite Teile der Insel belohnt. Allerdings hat die exponierte Lage des Berges dazu geführt,
dass durch das Aufstellen unzähliger ziviler und militärischer Funkanlagen ein stattlicher Antennenwald entstanden ist. Eine Straße sorgte dafür,
dass sich hier auf der Anhöhe ungewohnt viele Menschen tummelten.
Die anspruchsvollste Wanderung war sicher die an der Südküste der Insel entlang. Der Camí de Cavalls (Weg der Pferde) umzog im Mittelalter als Pfad der Meldereiter in Küstennähe die gesamte Insel. Im Laufe der Jahre bis zur Unkenntlichkeit überwuchert, ist er inzwischen auf weiten Strecken rekonstruiert und als Wanderweg zugänglich. Hier wanderten wir etwa 14 km von einer malerischen Bucht zur nächsten. Schwitzend arbeiteten wir uns durch den streckenweise von Mastix-, Rosmarin- und wilden Olivenbüschen überwucherten Weg. Schließlich war eine Rast am herrlichen Sandstrand der
Cala des Talaier mit einem kühlen Bad im glasklaren Wasser eine willkommene Abwechslung. Einige Buchten und Kilometer weiter schickte uns Manuel mitten im Gelände eine Art Kellerabgang hinunter – und wir gelangten dort in eine kühle Grotte, die in früheren Zeiten wohl Piraten als Unterschlupf gedient haben mag.

Südküste, Foto: R. Freiheit |
Die Landschaft
Das Bild der Landschaft war geprägt durch kilometerlange Trockensteinmauern, die wir immer wieder übersteigen
mussten. Gelegentlich waren regelrechte Klettersteine eingefügt, die uns die Mühe etwas erleichterten.

Trockensteinmauern, Foto: F. Bender
Am Ende eines jeden Wandertages landeten wir plangemäß in einem Lokal, wo unsere Anstrengungen mit leckeren menor-quinischen Gerichten honoriert wurden. Einige Restaurants wie die alte Mühle „Es Molí d‘es Recó“ in Es Mercadal oder „Binisues“, der frühere Landpalast einer begüterten Familie aus Ciutadella, werden uns durch ihre wunderbare Lage und die angenehme Atmosphäre in besonders guter Erinnerung bleiben.

Taula de Torretrencada, Foto: K. Paul
Bei unseren Streifzügen über die Insel stießen wir laufend auf Zeugnisse aus prähistorischer Zeit. Monumente wie Talaiots (Wach- oder Wohntürme), Taulas (meter-hohe, T-förmige Gebilde aus einem senkrecht stehenden Stein und einer quer darüber liegenden Platte, evtl. Opfertische oder Altäre) und Navetas (schiffsförmige Begräbnisstätten) sind extrem häufig zu finden und beweisen,
dass Menorca schon 7000 bis 5000 Jahre vor Christus besiedelt war. Obwohl sich die Entwicklung der Besiedlung weiterverfolgen
lässt, bleiben selbst heute noch Sinn und Geschichte vieler Monumente ein Rätsel.
Wenn wir uns in vorgeschichtlichen Ansiedlungen wie z. B. Torrellufada nieder-ließen, nahm uns die geheimnisvolle Atmosphäre völlig gefangen. Der Eindruck eines magischen Ortes wurde noch durch das diffuse Licht verstärkt, das durch die Äste uralter Olivenbäume und Steineichen drang. Die in der Mitte eines Steinkreises stehende Taula ließ die Vermutung zu,
dass wir uns inmitten einer vorchristlichen Kultstätte befanden.
Als besonders sympathisch ist zu erwähnen, dass all diese wirklich bedeutsamen Stätten frei zugänglich waren und völlig auf Eintrittsgelder und Aufsichtspersonal verzichtet worden ist.

Ciutadella, Foto: F. Bender
Ein Bild von Menorca wäre unvollständig, ohne die beiden größten Orte der Insel Ciutadella am westlichen und Mahon am östlichen Ende zu erwähnen.
Ciutadella bietet mit seinen verwinkelten Gassen, prächtigen Stadtpalästen, kleinen Cafés und bunten Märkten den Anblick einer beschaulichen, mediterranen Kleinstadt. Nach einem Rundgang unter den Arkaden des Fischmarktes, vorbei an den Käseständen mit den verschiedensten Sorten des gelben menorquinischen Käses, lockte uns das Café Ulissis zu einer großen Tasse Café Cortado. Als Souvenir hatte ich zwischenzeitlich ein Paar „Avarques“ erstanden – einfache Sandalen, die ein Schuhmacher aus Ciutadella in Notzeiten mit einer Sohle aus alten Autoreifen hergestellt hatte. Mittlerweile werden diese Sandalen maschinell gefertigt und es trägt sie jeder Taxifahrer, jede Verkäuferin und auch Urlauber sind begeisterte Abnehmer.

Mahon, Foto: F. Bender
Mahón ist „very british“. Die Engländer besetzten 1772 die Insel und Mahon, zur Hauptstadt erhoben, erlebte dadurch eine regelrechte Blütezeit. Während der Besatzung entstanden nach britischem Vorbild Gebäude, Paläste und eine moderne Infrastruktur. Noch heute begegnet man in der Stadt zahllosen Touristen aus Großbritannien. Der Nutzen für die englische Seemacht lag vor allem in dem geschützten, riesigen Naturhafen, der nach Pearl Harbour der zweitgrößte der Welt sein soll. Eine Hafenrundfahrt ist deshalb ein ganz besonderes Erlebnis. So bietet sich vom Boot aus ein Blick auf Lord Nelsons
Schloss „Golden Farm“, einige Inseln mit mittelalterlichen militärischen Einrichtungen wie Lazarett, Seuchenstation und Gefängnis werden passiert und als beeindruckendstes Bauwerk markiert die Festung Sant Filip die südliche Seite der Hafenausfahrt.
Den Bummel durch Mahón schließen wir mit einem Rundgang und Einkauf in der
Destillerie Xoriguer am Hafen ab, wo Gin, das beliebteste alkoholische Getränk der Insel produziert wird.

Ginauswahl Xoriguer, Foto: F. Bender
Leider ist mit dem Ausflug nach Mahón unser Urlaub auf Menorca zu Ende, der uns so viele nette Erlebnisse und interessante Eindrücke einer liebenswerten Insel beschert hat.
Und am
Flughafen stehen wir wehmütig bereit zum Heimflug mit übergewichtigen Koffern,
Rucksäcken und den Wanderstöcken in der Hand.
Autor: Gerlinde Kleinert
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